Rolf Zerfass neu

Nachruf auf Rolf Zerfaß

Rolf Zerfaß (* 27. April 1934, † 31. März 2022) war einer der „bedeutendsten Pastoraltheologen der Nachkonzilszeit“ (Maria Widl). Nicht nur katholische und evangelische Pastoraltheologie, sondern Theologie und Kirche überhaupt verdanken ihm unschätzbar viel: „Mehr als dreißig Jahre hat er ihre Diskurse mit seinen kreativen und innovativen Eingaben nicht nur bereichert, sondern er hat darin entscheidende Weichenstellungen formuliert und angestoßen“ (Ottmar Fuchs). Predigtpraxis, Handlungstheorie, Gemeindepastoral, Caritastheologie, Organisationsentwicklung und Exilsspiritualität – all diese pastoraltheologischen Themen standen bei ihm stets unter dem Vorzeichen befreiender Subjektwerdung im Horizont der Gottesherrschaft. Darum hat er auch niemals nur „theologische Binnenschifffahrt“ (Rolf Zerfaß) betrieben, sondern zum Beispiel auch die „Würzburger Brücke e. V.“ mit ins Leben gerufen, um psychisch erkrankten Menschen einen Weg zurück ins Leben zu bahnen.

Theologie studierte Rolf Zerfaß in seinem Heimatbistum Trier und in Innsbruck (unter anderem bei Karl Rahner). 1963 wurde er dort von Josef A. Jungmann promoviert, 1972 habilitierte er sich bei Adolf Exeler in Münster. Von 1972 bis 1999 war er Professor für Pastoraltheologie und Homiletik in Würzburg. Mit seinen Vorlesungen und Seminaren lockte er Scharen von Studierenden zum Freijahr dorthin. Um einen Platz in seinem legendären Predigtkursen zu ergattern, übernachteten diese sogar in Schlafsäcken vor dem Lehrstuhl.

Er war nicht nur Vorsitzender der beiden Arbeitsgemeinschaften für Pastoraltheologie und Homiletik, sondern er verfasste auch die pastoraltheologischen Schlüsselartikel in der dritten Auflage des Lexikon für Theologie und Kirche – und sein 1974 entwickelter „Handlungstheoretischer Regelkreis“ dürfte wohl in kaum einer pastoraltheologischen Einführungsvorlesung fehlen. Menschliche Seelsorge (1985), Grundkurs Predigt (1987/1992) und Lebensnerv Caritas (1992) waren pastoraltheologische Besteller, die zum Teil in mehrere Sprachen übersetzt wurden und noch immer in den Buchregalen zahlreicher pastoraler Akteur:innen stehen.

Nach seiner Emeritierung erhielt Rolf Zerfaß zwei Preise, die mit seinen beiden Schwerpunkten Predigt und Caritas zusammenhängen: den Johann Hinrich Wichern-Preis der evangelischen Diakonie (2001) und den deutschen Predigtpreis für sein homiletisches Lebenswerk (2007). Er gab sein Priesteramt auf und heiratete die aus Wien stammende Ärztin Dr. Johanna Röhrig. Zu seinen Schüler:innen zählen unter anderem Ottmar Fuchs, Paul Zulehner und Maria Widl. Von ihnen erhielt er drei Festschriften: zu seinem 50. Geburtstag („Theologie und Handeln“), zu seinem 60. Geburtstag („Was die Pastoral bewegt“) und zu seinem 65. Geburtstag („Ein Haus der Hoffnung“). Anlässlich seines 75. Geburtstags haben Ottmar Fuchs und Christian Bauer eine Textsammlung mit exemplarischen Beiträgen von Rolf Zerfaß („Ein paar Kieselsteine reichen“) herausgegeben. Als sich eine fortschreitende Erkrankung abzeichnete, übergab Rolf Zerfaß seine schriftlichen Unterlagen an Christian Bauer – verbunden mit der Bitte, seine Theologie für nachfolgende Generationen zugänglich zu machen. Das geschieht nun in digitaler Form im Rolf-Zerfaß-Archiv-Innsbruck.

Seine Theologie besitzt eine ganz eigene Unverbrauchtheit und Frische, die den Tag überdauert und auch morgen noch zu spüren sein wird. Sie findet immer wieder Formulierungen, die nicht nur im Kopf bleiben, sondern auch zu Herzen gehen. Ihre kraftvolle und zugleich sensible Sprache wirkt auch nach Jahrzehnten noch nicht abgestanden. Das liegt nicht zuletzt auch an der hintersinnigen Leichtfüßigkeit des unnachahmlichen Rolf-Zerfaß-Sounds, dessen versteckter Schalk so manches Mal zwischen den Zeilen hervorblitzt. Es bleiben die Inspirationen einer zutiefst menschenfreundlichen Theologie:

Nachruf Zerfass

Fromme Phrasen wie „Er möge ruhen in Frieden“ (RIP: Requiescat in pace) verbieten sich bei einem Menschen wie Rolf Zerfaß von selbst – daher unser Wunsch: „Er möge leben in Fülle“ (VIP: Vivat in plenitudine)!

Christian Bauer,
Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Pastoraltheologie

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