Kongress 2009

"Christliche Praxis in religionspluraler Gesellschaft" - Kongress 2009 der Konferenz der deutschsprachigen Pastoraltheologen und Pastoraltheologinnen e. V.

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Religion im Plural ist keine neue Situation – weder für die Gesellschaft noch für die Theologie. Neuer ist die Weise der Wahrnehmung ihrer Präsenz in der Gesellschaft. Die veränderte Wahrnehmung von Religion wirkt auf ihre gesellschaftliche Situation zurück.

Dieser Prozess findet in einem durch Misstrauen geprägten Klima statt, in dem Religionen und ihre zunehmende Sichtbarkeit als Gefährdung und Bedrohung wahrgenommen werden. Religionspluralität wird daher mit zunehmenden gesellschaftlichen Konflikten verknüpft. Religionen gelten als potenziell gefährlich und als Quelle gesellschaftlicher Konflikte. Auf diese Situation wies Udo Schmälzle (Münster) bei der Eröffnung des Kongresses hin.

Hadwig Müller (Missionswissenschaftliches Institut, Aachen) und Norbert Mette (Universität Dortmund) machten dann aus religionssoziologischer und religionspädagogischer Sicht Vorschläge zum Begreifen und Verstehen der religiösen Gegenwartssituation. Deutlich wurde, dass die christliche Theologie und die christliche Praxis in veränderter Weise herausgefordert sind. Ursula Boos-Nünning (Universität Duisburg-Essen) steuerte zu diesen ersten Wahrnehmungen der religionspluralen Situation Perspektiven aus ihrem Forschungsbereich, der interkulturellen Pädagogik und Migrationsforschung bei. Erol Pürlü (Verein Islamischer Kulturzentren, Köln) ergänzte ihre Beobachtungen aus der Perspektive eines muslimischen Religionsvertreters in Deutschland.

Bei aller Unterschiedlichkeit der Blickrichtungen und Perspektiven gab es eine zentrale gemeinsame Beobachtung: Konflikte mit Religion entstehen nicht primär zwischen den Religionen selbst. Vielmehr entzünden sie sich vor allem zwischen religiösen Menschen und solchen, die sich selbst nicht als religiös beschreiben würden. Umgekehrt heißt dies, dass nur unsichtbare und privatisierte Religion von einer Mehrheit der Gesellschaft als friedlich angesehen (oder übersehen) wird. Damit können sich Religionen aus ihrem Selbstverständnis heraus nicht zufrieden geben. Umso mehr besteht die Herausforderung, Sichtbarkeit und Öffentlichkeit von Religion gegenüber einer tendenziell religionsskeptischen Bevölkerung zu vertreten und dabei die Fähigkeit zur Beherrschung ihres Konfliktpotenzials praktisch unter Beweis zu stellen.

Aus systematisch-theologischer Perspektive zeigten Michael Bongardt (Freie Universtität Berlin) und Knut Wenzel (Universität Frankfurt) Leitlinien und theologische Vergewisserungen auf, die zu einer vom theologischen Selbstverständnis her angemessenen christlichen Praxis in einer religionspluralen Situation führen können. Reinhard Feiter (Universität Münster) griff diesen Faden aus praktisch-theologischer Perspektive auf und skizzierte Modelle christlicher Praxis als verschiedene Formen „antwortenden Handelns“. Deren kriteriologische Mitte rekonstruierte er aus der Struktur der Christusbegegnung bzw. des Glaubens überhaupt.

Schließlich zeigten Beispiele religionsplural sensibler christlicher Praxis eindrücklich die Fähigkeit zu einer friedensfähigen Zusammenarbeit verschieden-religiöser und nicht-religiöser Menschen. Dabei bildete sich die Erfahrung ab, dass sich die „gelebten Religionen“ in einem hohen Maße toleranz- und pluralitätsfähig erweisen – nach innen wie nach außen. Um so mehr wird es zur großen Herausforderung für die praktische Theologie, Hilfen für die Vermittlung zwischen Religionen untereinander und vor allem zwischen Religionen und nicht-religiösen Menschen und Gruppen bereit zu stellen. Arnd Bünker (Schweizerisches Pastoralsoziologisches Institut, St. Gallen) analysierte die Beiträge des Kongresses und den Verlauf der Diskussionen noch einmal unter der Frage nach der Konfliktivität der religionspluralen gesellschaftlichen Situation und benannte Konsequenzen für die Pastoraltheologie.

In seinem Schlussvortrag stellte Rev. Dr. Elias D. Mallon (Franciscans International, New York) aus der Perspektive eines bei der UNO engagierten christlichen Religionsvertreters das Feld der Religionspluralität in einen globalen politischen Zusammenhang. Dieser Beitrag verlangt von der praktischen Theologie nicht zuletzt auch eine Auseinandersetzung mit der weltweit wirksamen religionspluralen Situation und vor allem mit der Frage nach der in diesem noch kaum praktisch-theologisch erkundeten Bereich anstehenden christlichen Praxis. Die Situation der Religionspluralität lässt sich nicht mehr allein im überschaubaren Horizont der Gemeinde oder der Kategorialseelsorge, auch nicht im begrenzten Horizont gesellschaftlich orientierter christlicher Verantwortung, angemessen bearbeiten. Vielmehr muss praktische Theologie zugleich die globale Dimension bzw. die globalen Interdependenzen heutiger Religionspluralität im Blick haben. [A. Bünker, St. Gallen]

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