Jugend in Europa: Religiosität Jugendlicher im Kontext von Beheimatung, Eventkultur und Migration

Gemeinsames Symposion der Konferenz der deutschsprachigen Pastoraltheologen und Pastoraltheologinnen e. V. mit dem PosT-Netzwerk
12. bis 15. September 2016 in Sarajevo, Priesterseminar

Programm und Anmeldung (bis spätestens 31.7.2016)

 

 

Tagungsbericht:

Fast 60 Wissenschaftler aus 13 Nationen kamen zum gemeinsamen Symposion der mittel-ost-europäischen und deutschsprachigen Pastoraltheologinnen und Pastoraltheologen im September in der theologischen Fakultät und im Priesterseminar in Sarajevo zusammen. Das „Jerusalem des Balkans“ als multireligiöse Stadt der abrahamitischen Religionen begrüßte die Wissenschaftler am Bayram, dem Opferfest der Muslimen.

Die Gastfreundschaft und Offenheit in Sarajevo, das noch unter den Folgen des Krieges 1992 – 1995 leidet war für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer beeindruckend.

Der Dekan der Fakultät Prof. Dr. Darko Tomaševic und die Vorsitzenden der beiden Wissenschaftsgesellschaften Prof. Dr. Pero Aracic (Zagreb) und Prof. Dr. Richard Hartmann (Fulda) begrüßten die Teilnehmer. Das letzte Symposion dieser Arbeitsgruppen – vor 3 ½ Jahren in Prag – war eher dem Kennenlernen gewidmet, nun komme es darauf an, an einem zentralen Thema gemeinsam zu arbeiten. Die Jugend prägt die Zukunft, ist jedoch von ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen und religiösen Kontexten geprägt. Es gelte, sie kennenzulernen und zu schauen, ob und wie ihre Stimme gehört werden und welche Ausprägungen in der Gestalt der Kirche für sie wichtig sind.

Herr & Speer, zwei Jugendaktivisten in Berlin gaben mit beeindruckenden Bildern ihrer „Europareise“ Einblicke in die Lebenswirklichkeit junger Menschen. Bedrängend ist, dass in vielen Nationen durch die prekären Arbeitsverhältnisse eine latente Perspektivlosigkeit die jungen Menschen bedränge, verbunden mit einem Misstrauen gegenüber den Wirkmöglichkeiten der Politik. Es sind eher Ausnahmesituationen, wie in der Ukraine, dass ein Aufbruch von der Jugend ausgehe. U. a. brachten sie ihre Initiative zur Sprache, dass die EU allen Jugendlichen zum 18. Geburtstag eine Interrail-Karte mit 1 Monat Geltung schenken solle, um das Kennenlernen zu fördern und eine Horizonterweiterung jenseits aller sozialer Grenzen zu ermöglichen.

Dr. Gergely Rosta, Münster eröffnete dann den Reigen der wissenschaftlichen Vorträge. Er analysierte, unterfüttert mit vielfältigem Zahlenmaterial, v. a. der Wertestudie von 2007, Trends und Erklärungen aus einer religionssoziologischen Perspektive auf ganz Europa.

Was hier überblicksmäßig vorgestellt wurde, machten Einblick in die Säkularisierungkontexte der Niederlande (Prof. Dr. Johannes Först, Dr. Monique van Dijk) und Tschechien (Assoz.-Prof. Dr. Michal Opatrný mit Dr. Katecina Brichcínová. Monique van Dijk stellte eine Langzeit-Studie zur Entwicklung der Religiosität von Schülern vor, die die starke Entkirchlichung aufwies. Katecina Brichcínová berichtete von einem Projekt zur Schülerkirche in Budweis.

Anders sieht es in Polen aus. Prof Dr. habil. Kazimierz Swies, Kath. Universität in Lublin gab einen Überblick über die dortigen Entwicklungen, in der doch noch 1/3 der Jugendlichen eine regelmäßige Kirchenbindung mit Gottesdienstfeier haben. Zwar werde auch hier ein Rückgang wahrgenommen, der jedoch regional sehr unterschiedlich sei. Unter anderem stelle sich die Frage, was im Rahmen der Firmung tatsächlich für die Jugendlichen geschehe. Diskutiert wurde auch, ob es sich um eine eher traditionell-rituelle Kirchenbindung handle oder die existentielle Bedeutung des Glaubens spürbar sei. Nach Swies sei eine Trennung der beiden Sichtweise nicht konstatierbar, vielmehr gehe es um ein deutliches Ineinander. Sehr deutlich wurde, wie sehr in Osteuropa der Zusammenhang zwischen Konfession und Ethnie sehr dicht sei. Religion und Nation zeigen identitätsbildende Zusammenhänge.

Prof. Joachim Theis, Universität Trier, stellte die aktuellen Jugendforschungen in Deutschland vor. Wichtig sei, eine genauere Differenzierung zwischen institutioneller Kirchenbindung, persönlicher Frömmigkeit und ethischer Implikationen der Religion. Kirchliche Tendenzen, die Bindungsprozesse der Jugendlichen einfach abzuwerten erschwerten die Kontaktnahme. P. Rudolf Osanger SDB (Wien) gab eindrucksvoll Einblicke in die Konzepte der Salesianischen Jugendpastoral. Die Trennung zwischen genuin religiöser und ganzheitlicher Pastoral wird deutlich zurückgewiesen. Die Freundschaft zu allen Jugendlichen, nicht nur den katholisch-kirchlichen, lebe von einer radikalen Zuwendung zu ihrer Wirklichkeit und ihren Sorgen. Evangelisierung zeige sich in dieser Nähe bei den Menschen, zuerst – mit Evangelii nuntiandi – im Zeugnis ohne Wort.

In einem festlichen Gottesdienst in der Seminarkirche begrüßte Kardinal Vinko Puljic die Versammlung. Er gab Einblicke in seine pastoralen Erfahrungen und betonte, wie wichtig es sei, dass Theologie und kirchliches Lehr- und Leitungsamt zusammenarbeiteten.

Ein abendlicher Stadtrundgang gab weitere Einblicke in das Leben der Stadt.

Acht verschiedene Workshops gaben weitere Einblicke in das Themenfeld und seine unterschiedlichen Tendenzen und Strömungen.

Die kroatische Mission (Fra Željko Bakovic OFM) in Wien versteht sich – erfolgreich – als Projekt, im Zusammenklang von kirchlicher Bindung und kroatischer Identität. P. Waldemar Los SJ (Karkau) und Dr. Krystian Piechaczek (Glivice) gaben Einblicke in die Bedeutung der Weltjugendtage und die konkrete Entfaltung und Vertiefung durch das Projekt MAGIS der Jesuiten. Frauen und Gewalt in Bosnien und Herzegowina war Thema von Dr. sc. Zilka Spahic-Šiljak (Sarajevo). Die polnische Jugendbewegung „Licht und Leben stellte Prof. Dr. habil. Maciej Ostrowski (Krakau) vor. Justyna Okolowicz und Maria Widl (Erfurt) schauten auf die aus den Weltjugendtagen gewachsene Night Fever-Bewegung, die eine deutlich offensive Mission betreibt und gleichzeitig klassische Frömmigkeitsformen aufnehme. Prof. Dr. Rudolf Svoboda (Budweis) aus der Theologischen Fakultät Budweis entfaltete, dass die Entscheidung der theologischen Fakultät auch andere Studiengänge (wie Freizeitpädagogik und Sozialarbeit) anzubieten für eine Weitung der Studierendenschaft weit über die Grenzen der Konfession hinaus sorgten und dadurch auch die Art des Theologietreibens verändere. Prof. Dr. Stanko Gerjolj (Ljubljana) gab Einblicke in die Jugendarbeit und ihr Grundbedingungen in Slowenien. Prof. Joachim Theis (Trier) und Prof. Dr. Richard Hartmann eröffneten das Gespräch zur Firmpastoral vor dem Hintergrund sehr verschiedener Theologien zu diesem Sakrament und unterschiedlicher Milieuausprägungen.

Am Abend führte der Pastoraltheologe Dr. Šimo Maršic in das von ihm geleitete Jugendzentrum Johannes Paul II. Alle Teilnehmer des Symposions waren tief Beeindruckt von diesem Zentrum, mit Kapelle, vielen Jugendräumen, Möglichkeiten für Sport und Musik. Mit mehr als 8 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wird hier eine ausdifferenzierte Arbeit für alle Jugendlichen aufgebaut, die ausdrücklich den interreligiösen und versöhnenden Aspekt mit fördert.

Ass. Prof. Sr. Ana Thea Filipovic (Zagreb) ordnete die Erfahrungen pastoraltheologisch, bevor eine Podiumsrunde die Erträge sicherte.

Das Symposion war von einer hervorragenden Gesprächsatmosphäre geprägt. Die gegenseitige Wahrnehmung unterschiedlicher Theologie und unterschiedlicher gesellschaftlich-kirchlicher Bedingungen einerseits und die Bereitschaft darin voneinander zu lernen, prägte die Gespräche und ließ die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einhellig zum Entschluss kommen, dass diese Gespräche fortgesetzt werden sollten.

Prof. Dr. Richard Hartmann, Fulda

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